| |
dem Scheik sagen, er werde einige junge Männer in seinen Saal mitbringen, wenn es ihm
nicht ungelegen sei, und Ali Banu ließ ihm sagen, er habe über sein Haus zu gebieten!"
"Lasse uns nicht länger in Ungewißheit; so wahr ich lebe, ich weiß nicht, wer dieser Mann ist,
wir lernten ihn zufällig kennen und sprachen mit ihm."
"Nun, dann dürfet ihr euch glücklich preisen; denn ihr habt mit einem gelehrten, berühmten
Mann gesprochen, und alle Anwesenden ehren und bewundern euch deshalb; es ist
niemand anderes, als Mustafa, der gelehrte Derwisch."
"Mustafa! Der weise Mustafa, der den Sohn des Scheik erzogen hat? Der viele gelehrte
Bücher schrieb, der große Reisen machte in alle Weltteile! mit Mustafa haben wir
gesprochen? Und gesprochen, als wär er unsereiner, so ganz ohne alle Ehrerbietung?" So
sprachen die jungen Männer untereinander, und waren sehr beschämt; denn der Derwisch
Mustafa galt damals für den weisesten und gelehrtesten Mann im ganzen Morgenland.
"Tröstet euch darüber", antwortete der Sklavenaufseher, "seid froh , daß ihr ihn nicht kanntet;
er kann es nicht leiden, wenn man ihn lobt, und hättet ihr ihn ein einziges Mal die Sonne der
Gelehrsamkeit oder das Gestirn der Weisheit genannt, wie es gebräuchlich ist bei Männern
dieser Art, er hätte euch von Stund an verlassen. Doch, ich muß jetzt zurück zu den Leuten,
die heute erzählen. Der, der jetzt kommt, ist tief hinten in Frankistan gebürtig, wollen sehen,
was er weiß."
So sprach der Sklavenaufseher; der aber, an welchen jetzt die Reihe zu erzählen kam, stand
auf und sprach:
"Herr! ich bin aus einem Lande, das weit gegen Mitternacht liegt, Norwegen genannt; wo die
Sonne nicht, wie in deinem gesegneten Vaterlande, Feigen und Zitronen kocht; wo sie nur
wenige Monde über die grüne Erde scheint, und ihr im Flug sparsame Blüten und Früchte
entlockt. Du sollst, wenn es dir angenehm ist, ein paar Märchen hören, wie man sie bei uns
in den warmen Stuben erzählt, wenn das Nordlicht über die Schneefelder flimmert."Noch
waren die jungen Männer im Gespräch über diese Märchen, und über den Alten, den
Derwisch Mustafa; sie fühlten sich nicht wenig geehrt, daß ein so alter und berühmter Mann
sie seiner Aufmerksamkeit gewürdigt, und sogar öfters mit ihnen gesprochen und gestritten
hatte. Da kam plötzlich der Aufseher der Sklaven zu ihnen und lud sie ein, ihm zum Scheik
zu folgen, der sie sprechen wolle. Den Jünglingen pochte das Herz. Noch nie hatten sie mit
einem so vornehmen Mann gesprochen, nicht einmal allein, viel weniger in so großer
Gesellschaft. Doch, sie faßten sich, um nicht als Toren zu erscheinen, und folgten dem
Aufseher der Sklaven zum Scheik. Ali Banu saß auf einem reichen Polster und nahm Sorbet
zu sich. Zu seiner Rechten saß der Alte, sein dürftiges Kleid ruhte auf herrlichen Polstern,
seine ärmlichen Sandalen hatte er auf einen reichen Teppich von persischer Arbeit gestellt,
aber sein schöner Kopf, sein Auge voll Würde und Weisheit zeigte an, daß er würdig sei,
neben einem Mann, wie der Scheik, zu sitzen.
Der Scheik war sehr ernst, und der Alte schien ihm Trost und Mut zuzusprechen; die
Jünglinge glaubten auch in ihrem Ruf vor das Angesicht des Scheik eine List des Alten zu
entdecken, der wahrscheinlich den trauernden Vater durch ein Gespräch mit ihnen
zerstreuen wollte.
"Willkommen ihr jungen Männer", sprach der Scheik, "willkommen in dem Hause Ali Banus.
Mein alter Freund hier hat sich meinen Dank verdient, daß er euch hier einführte, doch zürne
ich ihm ein wenig, daß er mich nicht früher mit euch bekannt machte. Wer von euch ist denn
der junge Schreiber?"
"Ich, o Herr! Und zu Euren Diensten!" sprach der junge Schreiber, indem er die Arme über
der Brust kreuzte, und sich tief verbeugte.
"Ihr hört also sehr gerne Geschichten, und leset gerne Bücher mit schönen Versen und
Denksprüchen."
Der junge Mann erschrak und errötete; denn ihm fiel bei, wie er damals den Scheik bei dem
Alten getadelt und gesagt hatte, an seiner Stelle würde er sich erzählen oder aus Büchern
vorlesen lassen. Er war dem schwatzhaften Alten, der dem Scheik gewiß alles verraten
hatte, in diesem Augenblick recht gram, warf ihm einen bösen Blick zu und sprach dann: "O
Herr! Allerdings kenne ich für meinen Teil keine angenehmere Beschäftigung, als mit
dergleichen den Tag zuzubringen. Es bildet den Geist und vertreibt die Zeit. Aber jeder nach
seiner Weise, ich tadle darum gewiß keinen, der nicht -"
|
| |
|
|