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ein Wagen vorbeifuhr, saß er, ehe man sich dessen versah, oben auf dem Kutschenhimmel
und machte Grimassen herab, fuhr ein Stückchen weit mit, und kam dann wieder zur
Gesellschaft gesprungen.
Der alte Herr pflegte dann bei solchen Szenen den Bürgermeister und die anderen Männer
sehr um Entschuldigung zu bitten wegen der Ungezogenheit seines Neffen; sie aber lachten,
schrieben es seiner Jugend zu, behaupteten, in diesem Alter selbst so leichtfüßig gewesen
zu sein, und liebten den jungen Springinsfeld, wie sie ihn nannten, ungemein.
Es gab aber auch Zeiten, wo sie sich nicht wenig über ihn ärgerten, und dennoch nichts zu
sagen wagten, weil der junge Engländer allgemein als ein Muster von Bildung und Verstand
galt. Der alte Herr pflegte nämlich mit seinem Neffen auch abends in den Goldenen Hirsch,
das Wirtshaus des Städtchens, zu kommen. Obgleich der Neffe noch ein ganz junger
Mensch war, tat er doch schon ganz wie ein Alter, setzte sich hinter sein Glas, tat eine
ungeheure Brille auf, zog eine gewaltige Pfeife heraus, zündete sie an und dampfte unter
allen am ärgsten. Wurde nun über die Zeitungen, über Krieg und Frieden gesprochen, gab
der Doktor die Meinung, der Bürgermeister jene, waren die anderen Herren ganz erstaunt
über so tiefe politische Kenntnisse, so konnte es dem Neffen plötzlich einfallen, ganz anderer
Meinung zu sein; er schlug dann mit der Hand, von welcher er nie die Handschuhe ablegte,
auf den Tisch, und gab dem Bürgermeister und dem Doktor nicht undeutlich zu verstehen,
daß sie von diesem allem nichts genau wüßten, daß er diese Sachen ganz anders gehört
habe und tiefere Einsicht besitze. Er gab dann in einem sonderbaren gebrochenen Deutsch
seine Meinung preis, die alle, zum großen Ärgernis des Bürgermeisters, ganz trefflich
fanden; denn er mußte als Engländer natürlich alles besser wissen.
Setzten sich dann der Bürgermeister und der Doktor in ihrem Zorn, den sie nicht l aut werden
lassen durften, zu einer Partie Schach, so rückte der Neffe hinzu, schaute dem
Bürgermeister mit seiner großen Brille über die Schulter herein und tadelte diesen oder jenen
Zug, sagte dem Doktor, so und so müsse er ziehen, so daß beide Männer heimlich ganz
grimmig wurden. Bot ihm dann der Bürgermeister ärgerlich eine Partie an, um ihn gehörig
matt zu machen, denn er hielt sich für einen zweiten Philidor, so schnallte der alte Herr dem
Neffen die Halsbinde fester zu, worauf dieser ganz artig und manierlich wurde, und den
Bürgermeister matt machte.
Man hatte bisher in Grünwiesel beinahe jeden Abend Karte gespielt, die Partie um einen
halben Kreuzer; das fand nun der Neffe erbärmlich; setzte Kronentaler und Dukaten,
behauptete, kein einziger spiele so fein wie er, söhnte aber die beleidigten Herrn gewöhnlich
dadurch wieder aus, daß er ungeheure Summen an sie verlor. Sie machten sich auch gar
kein Gewissen daraus, ihm recht viel Geld abzunehmen; denn "er ist ja ein Engländer, also
von Hause aus reich", sagten sie, und schoben die Dukaten in die Tasche.
So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und Umgegend in ungemeines
Ansehen. Man konnte sich seit Menschengedenken nicht erinnern, einen jungen Mann
dieser Art in Grünwiesel gesehen zu haben, und es war die sonderbarste Erscheinung, die
man je bemerkt. Man konnte nicht sagen, daß der Neffe irgend etwas gelernt hätte, als etwa
tanzen. Latein und Griechisch waren ihm, wie man zu sagen pflegt, böhmische Dörfer. Bei
einem Gesellschaftsspiel in Bürgermeisters Hause sollte er etwas schreiben, und es fand
sich, daß er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte; in der Geographie machte er die
auffallendsten Schnitzer; denn es kam ihm nicht darauf an, eine deutsche Stadt nach
Frankreich, oder eine dänische nach Polen zu versetzen, er hatte nichts gelesen, nichts
studiert, und der Oberpfarrer schüttelte oft bedenklich den Kopf über die rohe Unwissenheit
des jungen Mannes; aber dennoch fand man alles trefflich, was er tat oder sagte; denn er
war so unverschämt, immer recht haben zu wollen, und das Ende jeder seiner Reden war:
"Ich verstehe das besser." So kam der Winter heran, und jetzt erst trat der Neffe mit noch
größerer Glorie auf. Man fand jede Gesellschaft langweilig, wo nicht er zugegen war, man
gähnte, wenn ein vernünftiger Mann etwas sagte, wenn aber der Neffe selbst das törichste
Zeug in schlechtem Deutsch vorbrachte, war alles Ohr. Es fand sich jetzt, daß der treffliche
junge Mann auch ein Dichter war; denn nicht leicht verging ein Abend, an welchem er nicht
einiges Papier aus der Tasche zog und der Gesellschaft einige Sonette vorlas. Es gab zwar
einige Leute, die von dem einen Teil dieser Dichtungen behaupteten, sie seien schlecht und
ohne Sinn, einen andern Teil wollten sie schon irgendwo gedruckt gelesen haben; aber der
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