| |
zu sein; kurz, es war ein Jammer, wie durch das böse Beispiel des Neffen die Sitten und
guten Gewohnheiten in Grünwiesel völlig untergingen.
Aber die Freude der jungen Leute an ihrem rohen, ungebundenen Leben dauerte nicht
lange; denn folgender Vorfall veränderte auf einmal die ganze Szene. Die
Wintervergnügungen sollte ein großes Konzert beschließen, das teils von den
Stadtmusikanten, teils von geschickten Musikfreunden in Grünwiesel aufgeführt werden
sollte. Der Bürgermeister spielte das Violoncell, der Doktor das Fagott ganz vortrefflich, der
Apotheker, obgleich er keinen rechten Ansatz hatte, blies die Flöte, einige Jungfrauen aus
Grünwiesel hatten Arien einstudiert, und alles war trefflich vorbereitet. Da äußerte der alte
Fremde, daß zwar das Konzert auf diese Art trefflich werden würde, es fehle aber offenbar
an einem Duett, und ein Duett müsse in jedem ordentlichen Konzert notwendigerweise
vorkommen. Man war etwas betreten über diese Äußerung; die Tochter des Bürgermeisters
sang zwar wie eine Nachtigall, aber wo einen Herrn herbekommen, der mit ihr ein Duett
singen könnte? Man wollte endlich auf den alten Organisten verfallen, der einst einen
trefflichen Baß gesungen hatte: der Fremde aber behauptete, dies alles sei nicht nötig,
indem sein Neffe ganz ausgezeichnet singe. Man war nicht wenig erstaunt über diese neue
treffliche Eigenschaft des jungen Mannes; er mußte zur Probe etwas singen, und einige
sonderbare Manieren abgerechnet, die man für englisch hielt, sang er wie ein Engel. Man
studierte also in aller Eile das Duett ein, und der Abend erschien endlich, an welchem die
Ohren der Grünwieseler durch das Konzert erquickt werden sollten.
Der alte Fremde konnte leider dem Triumph seines Neffen nicht beiwohnen, weil er krank
war; er gab aber dem Bürgermeister, der ihn eine Stunde zuvor noch besuchte, einige
Maßregeln über seinen Neffen auf: "Es ist eine gute Seele, mein Neffe", sagte er, "aber hie
und da verfällt er in allerlei sonderbare Gedanken und fängt dann tolles Zeug an; es ist mir
eben deswegen leid, daß ich dem Konzert nicht beiwohnen kann; denn vor mir nimmt er sich
gewaltig in acht, er weiß wohl warum! Ich muß übrigens zu seiner Ehre sagen, daß dies nicht
geistiger Mutwillen ist, sondern es ist körperlich, es liegt in seiner ganzen Natur; wollten Sie
nun, Herr Bürgermeister, wenn er etwa in solche Gedanken verfiele, daß er sich auf ein
Notenpult setzte, oder daß er durchaus den Contrebaß streichen wollte oder dergleichen,
wollten Sie ihm dann nur seine hohe Halsbinde etwas lockerer machen, oder, wenn es auch
dann nicht besser wird, ihm solche ganz ausziehen, Sie werden sehen, wie artig und
manierlich er dann wird."
Der Bürgermeister dankte dem Kranken für sein Zutrauen und verspra ch, im Fall der Not
also zu tun, wie er ihm geraten.
Der Konzertsaal war gedrängt voll; denn ganz Grünwiesel und die Umgegend hatte sich
eingefunden. Alle Jäger, Pfarrer, Amtleute, Landwirte und dergleichen aus dem Umkreis von
drei Stunden waren mit zahlreicher Familie herbeigeströmt, um den seltenen Genuß mit den
Grünwieselern zu teilen. Die Stadtmusikanten hielten sich vortrefflich, nach ihnen trat der
Bürgermeister auf, der das Violoncell spielte, begleitet vom Apotheker, der die Flöte blies;
nach diesen sang der Organist eine Baßarie mit allgemeinem Beifall, und auch der Doktor
wurde nicht wenig beklatscht, als er auf dem Fagott sich hören ließ.
Die erste Abteilung des Konzertes war vorbei, und jedermann war nun auf die zweite
gespannt, in welcher der junge Fremde mit des Bürgermeisters Tochter ein Duett vo rtragen
sollte. Der Neffe war in einem glänzenden Anzug erschienen, und hatte schon längst die
Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich gezogen. Er hatte sich nämlich, ohne viel zu
fragen, in den prächtigen Lehnstuhl gelegt, der für eine Gräfin aus der Nachbarschaft
hergesetzt worden war; er streckte die Beine weit von sich, schaute jedermann durch ein
ungeheures Perspektiv an, das er noch außer seiner großen Brille gebrauchte, und spielte
mit einem großen Fleischerhund, den er, trotz des Verbotes, Hunde mitzunehmen, in die
Gesellschaft eingeführt hatte. Die Gräfin, für welche der Lehnstuhl bereitet war, erschien,
aber wer keine Miene machte, aufzustehen und ihr den Platz einzuräumen, war der Neffe; er
setzte sich im Gegenteil noch bequemer hinein und niemand wagte es, dem jungen Mann
etwas darüber zu sagen; die vornehme Dame aber mußte auf einem ganz gemeinen
Strohsessel mitten unter die übrigen Frauen des Städtchens sitzen, und soll sich nicht wenig
geärgert haben.
Während des herrlichen Spieles des Bürgermeisters, während des Organisten trefflicher
|
| |
|
|